Folge 24 - Endkund:innen vs Flexibilität

Shownotes

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was Besseres findet.“ Am liberalisierten Energiemarkt sollen Kund:innen vergleichen, wechseln und künftig auch immer flexibler reagieren. Doch nicht jeder will zum Hobby-Energiemanager werden.

Warum bleibt die Oma jahrzehntelang beim selben Lieferanten, während Enkel Emil Tarife vergleicht, Strom produziert, speichert und in der Energiegemeinschaft teilt? Wie viel Flexibilität kann man von Haushalten erwarten, welche Rolle spielen dynamische Tarife und Automatisierung und warum ist das, was für Emil optimal ist, nicht automatisch gut für das Gesamtsystem?

In dieser Folge von Gegenstrom hat Angelika Kabrt recherchiert, welche Rolle Endkund:innen im Energiesystem der Zukunft spielen sollen, warum „Kunde nicht gleich Kunde“ ist und weshalb die zunehmende Komplexität des Energiesystems nicht einfach bei den Menschen landen darf.
Die zentrale Frage: Wie flexibel müssen Energiekund:innen werden und muss wirklich jeder ein Emil sein?

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00:00:03: Willkommen bei Gegenstrom, den Podcast zur Energiewende.

00:00:08: Wissen, Klarheit, Orientierung in allen Themen rund um die Energiewirtschaft in Österreich jede Woche im zehnminütigen Kurzformat.

00:00:19: Ich bin Angelika Kabert und hier kommt das Gegendström Thema der Woche Homo energiticus.

00:00:35: Wie flexibel muss der Kunde werden?

00:00:39: Drum prüfe wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was Besseres findet.

00:00:45: So die vom Volksmund abgewandelte Version von Friedrich Schiller und irgendwie ist das auch das Credo des liberalisierten Energiemarktes.

00:00:54: Wechsel deinen Lieferanten!

00:00:56: Es gibt keine Energieveranstaltung, auf der die Branche nicht über neue Marktmodelle, Netztarife, Flexibilitäten und Technologien diskutiert.

00:01:06: Was dabei leicht untergeht sind die Endkundinnen – ein Perspektivenwechsel!

00:01:12: Wir sind bei der achtzigjährigen Resioma im niederösterreichischen Weinviertel-Aufbesuch.

00:01:18: Ihre Lieferantenbeziehung ist vergleichbar mit einer langjährigen Ereignislosen aber beständigen Ehhe Als sie damals ihren Lieferanten gewählt hat, vor der Liberalisierung gab es praktisch keine Wahl.

00:01:32: Also eine arrangierte Ehe!

00:01:35: Man war dann heutzamm.

00:01:37: Viel Kontakt haben die beiden seit dem nicht – im Wesentlichen bekommt sie eine Rechnung.

00:01:43: Wie es um die Beziehung bestellt ist und ob diese in Frage gestellt wird entscheidet sich bestenfalls zum Jahrestag.

00:01:51: Findet sich auf der Jahresabrechnung eine Gutschrift freut sich die Oma.

00:01:55: Ist es eine Lastschrift, weil – äuß wird deurer?

00:02:00: hat sie ihm trotzdem ewige Treue geschworen und bleibt bei ihm.

00:02:04: Wenn auch verärgert!

00:02:06: Ich weiß nicht was solls

00:02:08: bedeuten.".

00:02:09: Das fragt sich die Oma immer häufiger wenn sie versucht ihre Rechnung zu entschlüsseln.

00:02:14: Unabhängig davon ob Stromgas oder Fernwärmerechnung klar Verständlich ist keine einzige.

00:02:21: Am Ende überweist sie monatlich einen Betrag Wofür die einzelnen Komponenten stehen, versteht sie aber immer weniger.

00:02:28: Im Gegenteil – ihr Lebenslieferant kommuniziert in immer unverständlicheren Hyroglyfen.

00:02:35: Sie bittet ihren Enkel Emil um Hilfe.

00:02:38: Beim Blick auf die Rechnung bekommt dieser Schnappatmung Die Oma hat noch nie den Lieferanten gewechselt Einen viel zu hohen Fixpreis und überhaupt zieht Emil jede Menge Optimierungspotenzial.

00:02:51: Emil bevorzugt Situation Ships und wechselt regelmäßig seine Lieferanten.

00:02:57: Die Oma versteht nur Bahnhof, also holt ihr Enkel weiter aus und erklärt ihr was es mit der Rechnung auf sich hat!

00:03:05: Der monatliche Betrag setzt sich vereinfacht aus drei Teilen zusammen – Energie, Netz sowie Steuern und Abgaben.

00:03:13: Der Energiepreis ist dabei jener Bestandteil bei dem die Oma durch einen Lieferandenwechsel tatsächlich eine Wahl hat.

00:03:21: Aber wer die Wahl hat, hat die Qual.

00:03:25: Der Tarif-Dschungel bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten – Fixtarif oder dynamischer Tarif, Ökostrom, Strom aus Österreich und unterschiedliche Bindungsfristen und Präferenzen bei der Rechnungslegung.

00:03:38: und dann noch ein verwirrender Wechselrabatt!

00:03:43: Der Lieferantenwechsel mag zwar mit einem Knopfdruck erledigt sein, bevor es soweit ist sind allerdings eine Vielzahl von Datenentscheidungen und Priorisierungen notwendig die weit über den günstigen Preis hinausgehen.

00:04:04: Es gibt Menschen, die sich gerne mit derartigen Informationen auseinandersetzen – es gibt aber auch Menschen, Eine Scheidung will wohl überlegt sein und im Zweifelsfall führt man die Ehe eben fort.

00:04:21: Die Wechselrate in Österreich steigt zwar, die Mehrheit der Endkundinnen bleibt ihrem Lieferanten aber treu!

00:04:28: Die Leso mit dem Netzbetreiber ist wiederum ähnlich der kirchlichen Ehe.

00:04:33: Scheidungen sind keine Option – durch das Kabel ist man bis ans Lebensende miteinander verbunden.

00:04:39: Und was durch Kupfer verbunden ist?

00:04:42: Das soll der Mensch nicht trennen….

00:04:44: Während die Lieferantenbeziehung seit der Liberalisierung von Kundinnen zunehmend infrage gestellt werden kann, ist es auf der Netzebene der Netzbetreiber, der die Beziehung zum Endkunden derzeit auf neue Beine stellen möchte.

00:04:58: Frischer Wind muss rein in die Beziehenung!

00:05:01: Denn während für die Oma der Strom immer noch aus der Steckdose kommt, agiert ihr Enkel immer aktiver im Stromsystem.

00:05:09: Er gestaltet die Energiewende ab sofort mit und hat sich eine Photovoltaikanlage angeschafft.

00:05:15: Aus der einseitigen Beziehung wird plötzlich eine Wechselseitige.

00:05:19: E-Mail verbraucht nicht nur Strom, sondern speist auch ein – und damit nicht genug!

00:05:25: In den vergangenen Jahren sind Wärmepumpe, Energiespeicher und zuletzt ein Elektroauto dazugekommen.

00:05:32: Aus dem klassischen Endkunden wird langsam ein so genannter Prosumer.

00:05:37: Das alte Stromsystem bekommt damit Beziehungsstress.

00:05:41: Darauf reagieren Netzbetreiber und Regulator mit neuen Modellen und Tariven, Leistungspreise sollen künftig stärker berücksichtigen wie viel Leistung Kundinnen gleichzeitig aus dem Netz beziehen.

00:05:53: Dazu kommen Instrumente wie VNAP und SNAP die Verbräuche zu bestimmten Zeitfenstern belohnen – denn das neue Energiesystem braucht mehr Flexibilität!

00:06:04: Und dann öffnet Emil auch noch die Beziehung.

00:06:07: Er tritt einer Energiegemeinschaft bei und ist damit energiewirtschaftlich gesprochen, unter die Swinger gegangen.

00:06:14: Energie wird innerhalb der Gemeinschaft geteilt, Kosten werden optimiert und zur klassischen Zweierbeziehung zwischen Kunde- und Energielieferant gesellen sich immer mehr Beteiligte.

00:06:25: Freie Liebe am Energiemarkt – so geht es momentan in der Elektrizitätswirtschaft zu!

00:06:32: Im Gasmarkt ist noch alles in Ordnung, aber auch hier stehen große Umbrüche mit der Decarbonisierung bevor.

00:06:39: Es heißt raus aus Gas und somit sollen langjährige Netzbeziehungen künftig von der einen oder anderen Seite aufgekündigt werden.

00:06:47: Wir haben mit Oma und Enkel damit zwei exemplarische Extremkunden die ein- und derselbe System bedienen muss.

00:06:55: Auf den IMH Energietagen wurde genau diese Frage diskutiert.

00:07:00: Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Österreichs Energie präzisiert es so.

00:07:05: Kunde ist nicht gleich Kunde!

00:07:08: Auf der einen Seite steht die Langzeitbeziehung – ein Fixpreis, der Sicherheit gibt.

00:07:14: Eine Kundin, die sich wenig mit Energie beschäftigt und auch nicht vorhat, das in Zukunft zu ändern.

00:07:20: Die Oma will ihre Rechnung verstehen und sonst Arurr.

00:07:25: auf der anderen Seite Polyamory-und Speeddating E-Mail will möglichst viel detaillierte Informationen.

00:07:32: Tarife werden verglichen, Anbieter gewechselt, Apps verwendet, dynamische Preise beobachtet und jede Menge neue Technologien in das bestehende System integriert.

00:07:43: Doch die Wechselbereitschaft ist nur ein Teil der Geschichte – dahinter steckt eine viel grundsätzlichere Frage.

00:07:50: Welche Rolle erwarten wir eigentlich von den Kundinnen im Energiesystem der Zukunft?

00:07:56: Die Oma versteht sich jedenfalls nicht als aktive Marktteilnehmerin und findet ihre Lieferantenbeziehung vielleicht ganz gut so, wie sie ist.

00:08:04: Gewohnheit, Vertrauen, Sicherheit – und möglichst wenig Aufwand!

00:08:09: Dazu passt eine Beobachtung des energielieferanten Kellack.

00:08:13: Aktuell setzt der Großteil der Haushaltskundinnen auf Fixpreis-Tarife.

00:08:18: Gleichzeitig erwartet das Unternehmen, dass dynamische Tarife an Bedeutung gewinnen, sobald entsprechende Anreize vorhanden sind und digitale Lösungen die Nutzung für Kundinnen vereinfachen.

00:08:31: Genau da liegt der Punkt!

00:08:33: Das Energiesystem braucht künftig mehr Flexibilität – aber nicht jeder Kunde wird deshalb zum Homo-Energeticus, der seinen Alltag nach Strom- und Netztarifen ausrichtet.

00:08:45: Der Nachtbügler wird wohl kaum zum Massenphänomen und für die Oma war das Maximum an Flexibilität bislang, dass Wäsche waschen nach dem Bauernkalender.

00:08:55: Scheint im Hof die Sommersonne, hängt sie die Wäschung auf mit Wonne!

00:09:00: Wo es technisch möglich ist sollte Flexibilitet daher möglichst automatisiert im Hintergrund ablaufen.

00:09:08: Aber selbst dann bleibt eine entscheidende Frage Was soll Super User-Email eigentlich optimieren?

00:09:15: Den Energiepreis, das Netz oder seine Energiegemeinschaft.

00:09:20: Da stehe ich nun Ich Armator und bin so klug als wie zuvor!

00:09:24: Was für ihn individuell optimal ist muss nicht zwingend dem Gesamtsystem nutzen.

00:09:29: – Fazit Die Energiewende braucht mehr Flexibilität Aber sie braucht nicht Millionen Hobby-Energiemanager.

00:09:37: Nicht jeder kann oder will seinen Alltag nach Strompreisen und Netztarifen ausrichten – und selbst wer es möchte, steht vor der Frage, wonach er eigentlich optimieren soll?

00:09:48: Die Herausforderung besteht deshalb darin, Flexibilität so zu organisieren dass sie nicht nur einzelnen Kundinnen sondern auch dem Gesamtsystem nützt ohne die zunehmende Komplexität auf die Menschen abzuwälzen!

00:10:02: Nicht jeder muss ein E-Mail werden.

00:10:05: Es muss auch Platz für die Oma geben!

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