Folge 19 - Windkraft
Shownotes
Romeo und Julia – Warum wir uns in Windkraft verlieben sollten
Zwei Häuser - Montagues und Capulets. In Verona trennt eine alte Fehde zwei Familien. In der Energiewende stehen sich Befürworter und Gegner der Windkraft gegenüber. Beide wollen eine lebenswerte Zukunft – und doch scheint der Konflikt unlösbar.
In dieser Folge von Gegenstrom erzählt Angelika Kabrt die Geschichte der Windkraft als Tragödie in drei Akten. Eine Erzählung durch Klima- und Naturschutz, Desinformation, langwierige Genehmigungsverfahren und die Frage, wer der eigentliche Gegenspieler der Energiewende geworden ist.
Transkript anzeigen
00:00:03: Willkommen bei Gegenstrom, den Podcast zur Energiewende.
00:00:08: Wissen, Klarheit, Orientierung in allen Themen rund um die Energiewirtschaft in Österreich – jede Woche im zehnminütigen Kurzformat!
00:00:19: Ich bin Angelika Kabrit und hier kommt das Gegendström-Thema der Woche.
00:00:32: Worum geht es in der Feder?
00:00:35: Der Faktor Zeit.
00:00:36: Was wir verlieren, wenn wir nicht handeln!
00:00:40: Zwei Häuser im schönen Verona geraten aus altem Groll zu neuem Streit so das Bürgerblut-Bürgerhände befleckt.
00:00:49: Der dramatische Beginn aus Shakespeare's Romeo und Julia könnte nicht passender sein als die Beschreibung dafür was sich in so mancher Gemeinde beim Thema Windkraft abspielt Zwei Seiten.
00:01:02: Die eine dafür, die andere dagegen.
00:01:05: Am Ende stirbt die Zukunft Eine Tragödie in drei Akten.
00:01:10: Beginnen wir mit dem ersten Akt des Theaterstücks und sehen uns an warum wir uns in die Eigenschaften von Windkraft verlieben sollten.
00:01:19: Windkraft besitzt eine besondere Stärke.
00:01:22: Während Photovoltaik in den Sommermonaten und nur bei Sonnenschein und die Wasserkraft traditionell im Frühjahr- und im Herbst produzieren, erzeugt die Windkraft vor allem in den Wintermonatenstrom.
00:01:34: Und diesen können wir zu diesem Zeitpunkt gut gebrauchen – Windkraft kann die sogenannte Winterlücke schließen!
00:01:42: Auf eigenem Grund- und Boden erzeugter Strom ist ein wertvoller Beitrag zur Versorgungssicherheit, denn Wind muss man nicht in anderen Ländern einkaufen oder durch kritische Mehrengen importieren.
00:01:55: Jede erzeugte Kilowattstunde Windstrom reduziert also die Abhängigkeit von insbesondere fossilen Energieträgern – und macht somit unsere Energieerzeugungen resilienter!
00:02:06: Eine Studie zu erneuerbaren Energiepotenzialen in Österreich im Auftrag des Klima- und Energiefonds ergibt enorme Potentiale für Windkraft.
00:02:15: Laut dieser Studie beträgt das technisch mögliche Windenergiepotenziale unglaubliche, einhundert neunzehn Terawattstunden pro Jahr – das ist fast doppelt so hoch wie der österreichische Gesamtstrombedarf!
00:02:30: Realisierbar davon sind je nach Rahmenbedingungen zwischen zwanzig und sechsundvierzig Terawattstunden pro Jahr.
00:02:37: Zum Vergleich, die bestehenden Anlagen erzeugten zwei Tausend vierundzwanzig etwa acht Komma neun Terawatstunden was einem Anteil von ca.
00:02:46: fünfzehn Prozent des österreichischen Strombedarfs entspricht.
00:02:50: Die Windkraft hat also ein enormes Potenzial – was fehlt ist die Umsetzung in der Realität!
00:02:58: Des Weiteren kann man bei Windkraft von einer unfassbar reifen Technologie sprechen, die in den vergangenen Jahrzehnten eine enorme technische Entwicklung hinter sich hat.
00:03:08: Die Leistung einer Windkraftanlage hat sich in den letzten dreißig Jahren mehr als verzehnfacht.
00:03:14: Aus einigen hundert Kilowatt damals wurden heute sechs bis sieben Megawatt an Land – Offshore-Anlagen erreichen sogar fünfzehn megawatt und mehr!
00:03:24: Moderne Anlagen nutzen große Rotor-Durchmesser und höhere Türme.
00:03:29: Dadurch fangen sie mehr Wind ein, erzeugen deutlich mehr Strom und können auch schwächere Binnenlandstandorte rentabel machen.
00:03:38: Eine einzige moderne Turbine kann Tausende Haushalte versorgen – und das zu äußerst niedrigen Gestehungskosten.
00:03:46: Das Erzeugungsprofil ist erst auf den zweiten Blick attraktiv!
00:03:50: Windkraft ist volatil und erzeugt keine konstante Bandlast wie etwa ein Laufwasserkraftwerk.
00:03:57: Das kann aber ausgeglichen werden, während ein einzelnes Windrad starken Schwankungen unterliegt liefern viele Windräder zusammen überraschend kontinuierlich.
00:04:06: Wie könnte man also das Problem lösen?
00:04:09: Der Schlüssel liegt in der geografischen Verteilung.
00:04:12: Während an einem Ort der Wind steht, kann es anderswo ganz schön windig sein.
00:04:17: Je breiter Windparks über das Land verteilt sind, desto gleichmäßiger wird die Stromproduktion.
00:04:24: Und hier zeigt sich ein Problem der Windkraft in Österreich – sie ist derzeit sehr ungleich verteilt!
00:04:31: Ein großer Teil der Windstromerzeugung kommt aus den östlichen Bundesländern vor allem aus Niederösterreich und dem Burgenland weil hier auch die größten Potenziale liegen.
00:04:42: Im Westen- und Südenösterreichs gibt es dagegen bislang keine oder nur sehr wenige Windräder.
00:04:47: Dabei trifft dort ein hoher Strombedarf im Winter etwa durch energieintensive Beschneiungsanlagen, Seilbahnen und den Tourismus auf einer Technologie die ausgerechnet in dieser Jahreszeit ihre höchsten Erträge liefert.
00:05:02: Ein echtes Perfekt Match!
00:05:04: Womit wir zum zweiten Akt kommen?
00:05:06: Zwei Häuser – Auf der einen Seite die Montagus pro Windkraft, die die Energiewende vorantreiben und das Klima schützen wollen Auf der anderen Seite die Karpulets gegen Windkraft, die Landschaften Artenvielfalt und Lebensräume erhalten wollen.
00:05:23: Ein Spannungsfeld zwischen Klima- und Naturschutz das sich im Laufe der Jahre immer weiter verschärft hat.
00:05:30: Die Feder der beiden Familien geht schon so lange dass niemand mehr weiß wie der Konflikt überhaupt entstanden ist.
00:05:38: Irgendwann ist das Trennende vor das gemeinsame Getreten dem.
00:05:42: beide verfolgen doch eigentlich das selbe Ziel Eine lebenswerte Zukunft.
00:05:47: Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht, denn diese Technologie befindet sich in einer nicht enden-wollenden Rechtfertigungsschleife.
00:05:55: Kaum ist eine Frage beantwortet wird die nächste aufgeworfen.
00:05:59: Mal geht es um das Landschaftsbild dann um den Vogelschutz später um Infraschall Den Bodenverbrauch oder das Recycling der Rotorblätter.
00:06:07: Tatsächlich greift Windkraft wie jede Form der Energiegewinnung oder Infrastruktur in die Natur ein.
00:06:14: Vögel oder Fledermäuse können mit Rotorblättern kollidieren, einzelne Arten reagieren empfindlich auf Windparks und lokal gehen Lebensräume verloren.
00:06:24: Deshalb braucht es eine sorgfältige Standortwahl, Schutzabstände und Abschaltsysteme.
00:06:30: Gleichzeitig zeigt die Forschung aber auch – Windkraft verursacht deutlich weniger Vogeltodesfälle als Straßenverkehr-, Glasversaden- oder Hauskatzen!
00:06:41: Und während Windkraft lokale Auswirkungen hat, gilt der Klimawandel selbst als eine der größten Bedrohungen für Artenvielfalt und Ökosysteme weltweit.
00:06:51: Der eigentliche Konflikt lautet daher nicht Naturschutz gegen Klimaschutz sondern wie beides bestmöglich miteinander vereinbart werden kann.
00:07:01: Im Diskurs entsteht schon der Eindruck dass es nicht um eine konstruktive Lösung des Konflikts geht sondern um eine permanente Blockade.
00:07:10: Mittlerweile geben Tausende Seiten an Studien, Forschungsarbeiten und Praxiserfahrungen Antworten auf all diese Fragen.
00:07:17: Und dennoch scheint die Windkraft nie ganz aus der Beweisführung herauszukommen.
00:07:23: Dabei gibt es wohl ein Thema – dass die Wind Kraft selbst mit tausenden Seiten an Studien nicht lösen kann!
00:07:29: Ein Windrad sieht man Und ab.
00:07:32: hier wird der Zwist zwischen den Familien emotional, denn während für die Montagus ein Windrad symbolisch für Energiefreiheit und Klimaschutz steht ist es für die Capulets einen Eingriff in eine vertraute Umgebung.
00:07:46: Besonders einflussreich in diesem Punkt ist der Alpenverein – einer der größten Vereine Österreichs weil er Vertrauen Reichweite und Lokales gewicht hat.
00:07:56: Genau deshalb scheuen viele Bürgermeister offene Konflikte mit ihm!
00:08:01: Statt faktenbasiert und sachlich eine konstruktive Lösung zu finden, wird die Debatte emotional immer aufgeladener.
00:08:08: Hinzu kommt Gift – verseuchte in den letzten Jahren den Diskurs.
00:08:13: Bei Shakespeare kommt es vom Apotheker.
00:08:16: In der Windkraftdebatte verbreitet er sich über Flugblätter, soziale Medien-, Vorträge oder gezielte Desinformationskampagnen, die Zweifel streuen und Unsicherheit führen.
00:08:27: Am Ende stellt sich eine unangenehme Frage!
00:08:30: Wem nützt es eigentlich, wenn der Ausbau der Windkraft verzögert oder verhindert wird?
00:08:36: Die Motive sind unterschiedlich – das Landschaftsbild, Naturschutz oder die Angst vor Veränderung.
00:08:42: Neben all dem gibt es aber noch etwas!
00:08:46: Jede neue Windkraftanlage verändert den Erzeugungsmix und erhöht die Unabhängigkeit von Energieimporten und fossilen Brennstoffen für die wir jährlich große Summen an Geld ausgeben.
00:08:58: Es stellt sich die Frage, ob es bei einer derart strategischen Vorgehensweise von Desinformation nicht auch einen kursalen Zusammenhang gibt.
00:09:07: Alles hat einen Preis – ein Windrad verändert das Landschaftsbild ermöglicht uns aber auf der anderen Seite klimafreundlicher unabhängiger und resilienter in unserer Energieversorgung zu werden.
00:09:19: Und selbst dieser Eingriff ist begrenzt und vor allem reversibel!
00:09:24: Eine Windkraftanlage kann nach Jahrzehnten des Betriebs wieder zurückgebaut werden.
00:09:29: Üblicherweise werden die Fundamente bis zu zwei Meter unter die Bodenoberfläche entfernt und die Flächen rekultiviert, sodass diese für Land- und Forschwirtschaft wieder genutzt werden können.
00:09:40: Im Gegensatz dazu sind die Folgen des Klimawandels und des Nichthandelns nicht reversibel.
00:09:47: Im dritten Akt dieser Tragödie tritt der eigentliche Gegenspieler auf die Bühne – Die Zeit.
00:09:53: Markus Winter, Vorstand der Windkraft Simonsfeld erinnert sich an die Anfänge der Windkräfte in Österreich.
00:10:00: Anfang der zweitausender Jahre dauerte es von der Planung bis zur Genehmigung eines Windparks rund drei Jahre.
00:10:07: Heute sind acht, zehn oder noch mehr Jahre keine Seltenheit.
00:10:12: Wertvolle Zeit, die nicht zurückkommt – denn weder Energie noch Klimakrisen warten auf Gutachten und Genehmigungen!
00:10:19: Laut Einschätzung von Energiejurist Alexander Schultmaier bringt das soebenbeschlossene Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz für viele Technologien voraussichtlich eine Verfahrensbeschleunigung.
00:10:31: Bei der Windkraft bewegt man sich allerdings nur bei ein paar Monaten angewondernder Zeit.
00:10:37: Dabei kann es aufgrund der langen Verfahren dazu kommen, dass ein Projekt so lange dauert – das die ursprünglich geplante Anlage gar nicht mehr gebaut werden kann.
00:10:46: Weil der eingereichte Anlagentyp nicht mehr produziert wird, die Natur sich selbst verändert und so Verfahren teilweise wieder von vorne beginnen!
00:10:54: Die Verfahren drehen sich im Kreis, die Zeit rinnt den Projektentwicklern durch die Finger.
00:10:59: Dabei ist sie die knappste Ressource der Energiewende.
00:11:03: Markus Winter meint dazu Man braucht einen langen Atem, aber es ändert nichts.
00:11:09: Wir brauchen die Energie in
00:11:10: Zukunft.".
00:11:11: Es braucht also nach wie vor schnellere einfachere Verfahren!
00:11:15: Doch selbst wenn wir diese haben kommen wir wieder zurück nach Verona und den Kämpfen zwischen Montagus- und Capulets.
00:11:23: Projekte werden oft auf Gemeindebene zur Abstimmung diskutiert – denn wer eine Entscheidung im Sinne der Windkraft trifft muss mit Widerstand rechnen….
00:11:32: Also wird die Feder nicht mit klarer politischer Haltung, sondern auf dem Rücken der Bürgerinnen ausgetragen.
00:11:39: Die Akzeptanz ist zwar deutlich höher, wo Windkraft bereits etabliert ist – eine Abstimmung hat trotzdem die Konsequenz das Gemeinden-, Familien-, Freundeskreise in zwei Lager gespalten werden.
00:11:53: Ob Tybald oder Mercuzio?
00:11:55: Am Ende geht so etwas nicht gut aus!
00:11:58: Wie kann man nun die Feder lösen, ohne dass es am Ende dabei eine tote Zukunft gibt?
00:12:04: Viele Seiten betonen die frühe Einbindung der Bevölkerung.
00:12:08: Das mag die Akzeptanz in einer Bevölkerung erhöhen führt aber nicht unbedingt zu schnelleren Verfahren – denn das kostet Zeit!
00:12:16: Mit Energiegemeinschaften gibt es die Möglichkeit einen monetären Nutzen durch günstige Tarife für die lokale Bevölkerung zu schaffen wobei die Integration von Windrädern in Energiegemeinschaften noch in den Kinderschuhen steckt.
00:12:29: Eine echte Lösung des Konflikts wäre, die Energieraumplanung nicht auf Gemeindeebene zu lokalisieren – dafür ist dieses Thema in Zeiten von Energiekrisen und unserer Versorgungssicherheit strategisch viel zu relevant!
00:12:43: Die Bürde, sich für oder gegen Windkraft zu entscheiden, sollte den Gemeinden durch eine intelligente an Potenzialen und Netzverfügbarkeiten ausgerichtete Energie-Raumplanung genommen werden.
00:12:55: Nicht die Gemeinde sondern der Landesfürst von Verona muss einer Entscheidung in Form von klar ausgewiesenen Flächen treffen, die sich an Größe und Potenziale mit dem steigenden Energiebedarf unserer Zeit und der Zukunft decken.
00:13:10: Ein Teil der Konflikte würde sich durch eine positive und klare politische Haltung zur Windkraft lösen.
00:13:17: In Bundesländern, in denen die Försten sich zu Windkraft bekennen ist auch der Ausbau bekanntlich erfolgreicher und weniger konfliktbehaftet.
00:13:26: Ein Blick nach Spanien zeigt, dass dort andere Prioritäten gesetzt werden.
00:13:30: Für Stromleitungen, die für Projekte im öffentlichen Interesse notwendig sind können Dienstbarkeiten durchgesetzt werden wobei Grundstückseigentümer entschädigt werden.
00:13:41: Don Quixote hätte es dort vermutlich deutlich schwerer, einen Windpark über Jahre hinweg aufzuhalten und vielleicht lohnt sich am Ende ein Blick nach Dänemark.
00:13:51: Dort deckt Windkraft heute rund die Hälfte des Strombedarfs und ist zur wichtigsten Stromquelle geworden.
00:13:58: Die Welt ist dort auch nicht untergegangen.
00:14:00: Die eigentliche Frage lautet also, ob wir bereit sind der Windkraft eine Chance zu geben unsere Energiezukunft mitzugestalten.
00:14:09: Fazit – diese heftigen Freuden haben ein heftiges Ende!
00:14:14: In Shakespeare's Tragödie sterben Romeo und Julia.
00:14:18: In unserer Tragödie ist es die Energie-Zukunft denn während wir diskutieren entscheidet am Ende die Zeit Und wir verpassen die Chance auf eine resiliente, unabhängige und klimafreundliche Energieversorgung.
Neuer Kommentar